Über den Zusammenhang der Dostojewski-Adaptionen von „Die Brüder Karamasow“ am Münchner Volkstheater und „Dämonen“ am Wiener Burgtheater mit dem russischen Angriffskrieg
Das Ensemble von „Die Brüder Karamasow“ am Münchner VolkstheaterFoto: Matthias Horn
Sollte man heute noch Fjodor Dostojewski lesen? Oder seine Romane für die Bühne adaptieren? Seit Beginn von Putins Angriffskrieg gegen die Ukraine werden regelmäßig Stimmen laut, die fordern, nicht nur mit Wirtschaftssanktionen gegen Russland vorzugehen, sondern auch die gesamte Kultur und Literatur des Landes zu boykottieren. Die gegenwärtige Ablehnung alles Russischen, verbreitet vor allem unter Ukrainern, ist vor dem Hintergrund zahlloser Kriegsgräuel durchaus nachvollziehbar, mutet aber gleichwohl allzu pauschal an.
Die ukrainische Schriftstellerin Oksana Sabuschko immerhin wurde etwas konkreter. Nach Bekanntwerden der russischen Kriegsverbrechen in der ukrainischen Stadt Butscha beschrieb sie ihre Sicht auf Autoren wie Dostojewski oder Tolstoi. Die, so Sabuschko, würden den Menschen vor allem als Opfer gesellschaftlicher Zwänge zeigen, was zu einer Art Freifahrtschein für Gewalt und Grausamkeit führe: Wo die allgemeinen Umstände schuld sind, ist der Einzelne aus dem Schneider. Was Sabuschko damit nahelegt: Die Dostojewski-Lektüre entlastet Täter wie die von Butscha.
Für zusätzliche Skepsis sorgt, dass ausgerechnet Wladimir Putin Dostojewski-Fan ist. Zur Vorbereitung der Feierlichkeiten des zweihundertsten Geburtstags des Schriftstellers im November 2021 bestellte der russische Präsident bereits Jahre vorher persönlich das Festkomitee. Sollte man Dostojewski also Putin als nationalen Säulenheiligen überlassen und ihn tatsächlich aus dem Kanon der restlichen Welt streichen?