Theater der Zeit

Magazin

Der Verbindungsbursche

Zum Tod des Regisseurs und Schauspielers Carl-Hermann Risse

von Hans-Dieter Schütt

Erschienen in: Theater der Zeit: Barbara Mundel – Stürzende Gegenwart (12/2022)

Assoziationen: Mecklenburg-Vorpommern Sachsen Berlin Akteure Maxim Gorki Theater Theater an der Parkaue Deutsches Theater (Berlin) Volksbühne Berlin

Carl. Hermann Risse
Carl. Hermann RisseFoto: picture alliance / Sammlung Richter | Sammlung Richter/LB

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Utopien sind beliebt. Denn wenn sie nur genügend weit ausgreifen, kann kein Argument sie mehr widerlegen, und da also eine Realisierung der kühnen Vorstellungen nicht droht, werden sie nie banal. Schön. So was reizt. So was zieht an. Auf so was gründen Spiel und Kunst. Manchmal trifft man im Theater auf wahrhaft offene Gesichter, die scheinen, zwischen dem Unvereinbaren von Traum und Banalität eine Verbindung zu schaffen: eine Verbindung zwischen höchst freundlichem, heiterem Ausblick, also einer geradezu utopischen Träumerkraft, und andererseits dem faltigen Profanen einer ganz alltäglichen Existenz.

Carl-Hermann – „Charly“ – war so ein Verbindungsbursche. In den Händen seines Wesens hielt er gewissermaßen die Enden zweier Welten. Ein sympathischer Junge und ein keck stiefelnder Prolet. Er hatte Schmutz am Hacken seiner Schuhe, aber ging umher mit einem Herz ganz aus Siebenmeilenstiefeln. Er war der Charmeur, der gute, kräftige Kerl. 1941 in Dresden geboren. Von Beruf Maurer – Basis wohl für einen praktischen Zugriff auch auf die künstlerischen Dinge. Ein Mann mit Sinn für das Abenteuer, eine Wasserwaage fürs Schräge einzusetzen, Wände und Weite zu verbinden, das Feste und das Luftige zu vereinen. Er war gleichsam Arbeiter, und sein ganzes Wesen sagte dazu: klasse. Einer von uns, sagten alle, die ihn kannten, und sie sagten es so, als sei Kunst der Ort, an den man ganz selbstverständlich das gewöhnliche Dasein delegiert – damit daraus eine Geschichte werde, die einen überrascht. Obwohl man doch darin lebt. Aber Kunst entsteht ja, indem man als ein Unbekannter in jener fremden, geheimnisvollen Gegend auftaucht, die das eigene Leben ist.

Übers Dresdner Schauspielstudio via Stendal und Schwerin führte der Weg 1968 an die Volksbühne; über 15 Jahre spielte Risse bei Benno Besson, bei Fritz Marquardt sowie in zahlreichen DEFA- und Fernsehfilmen („Das Schilfrohr“, „Geschlossene Gesellschaft“, „Dein unbekannter Bruder“, „Olle Henry“). Die Räume seines Erscheinens: eher gewöhnlich als mondän. Ein Gefilde der Unscheinbarkeit, zweite Reihen, wie man so leichthin sagt – in denen dann aber, plötzlich, dieses eine Gesicht den besonderen Farbton angab. Das Freundliche mit zähem Hinterland. Der frohe Mut mit Sorgenfalten. Die Erfahrung mit trotzig entschiedenen Schüben einer ungebrochenen Neugier. So füllte er Rollen.

Mehrere Jahre, bis zum Gang des Landes in den Westen, war er Oberspielleiter am Theater der Freundschaft, in Berlins Parkaue in Lichtenberg. Zeichnete verantwortlich für kindlichen Zauber und Gegenwartsdramatik – er praktizierte künstlerisch jenen Wechsel, den ein Kindertheater beherrschen muss, wenn es auch Jugendtheater sein will; turbulent und grotesk seine Inszenierungen von Gozzi und Molière. Sein ensemblebildendes Naturell: souveräne Natürlichkeit, helle Kollegenschaftslust, konfliktwillige Suche nach dem dramatischen Flair von Zwielicht – um bloß nicht aufs Gute, Wahre und Schöne festgelegt zu sein.

Er war so vital wie fragend; und wenn Risse ganz Leidenschaft wurde, verlor er sich doch nie ins Ätherische; doch, doch, die Blitze jagten auch bei ihm – aber aus festem Boden in den Himmel, der immer ein Himmel war, in den keine Bäume wuchsen. Auffällig und qualitätsbildend an der Rampe wie im rückwärtigen Dienst einer Aufführung. Er konnte poltern und lauern, ein Komödiant mit Kraft und Kante, aber er verfügte eben auch über die feine Energie des Scheuen, der um seinen Weltwert ringt, nicht weiß. Als Spieler, als Regisseur (auch am Deutschen Theater, am Maxim Gorki Theater, in der Ku’damm- Komödie, in Konstanz). Und über zwanzig Jahre als Lehrer an der Ernst-Busch-Hochschule. Am 18. Oktober ist „Charly“ Risse, achtzig Jahre alt, in Berlin gestorben. //

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