Theater der Zeit

Stück

Stück Labor 2024/25

Stück Labor – Brutstätte neuer Schweizer Dramatik

von Michael Gmaj

Erschienen in: Theater der Zeit: Theater in der Ukraine (02/2026)

Assoziationen: Dramatik Schweiz Dossier: Neue Dramatik Dossier: Stück Labor – Neue Schweizer Dramatik Laura Leupi Sarah Calörtscher Ralph Tharayil Theater Basel Bühnen Bern Luzerner Theater

Foto: Zeichnungen Daniel Zeltner

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Seit seiner Gründung 2008 am Theater Basel ist Stück Labor das massgebliche Förderprogramm für zeitgenössische Schweizer Dramatik. In enger Kooperation der renommierten Häuser Theater Basel, Luzerner Theater und Bühnen Bern werden jedes Jahr drei bis vier Hausautor:innenschaften vergeben. Über eine gesamte Spielzeit hinweg arbeiten die Autor:innen intensiv mit Ensemble und Dramaturgie zusammen, nehmen teil an Produktionen, erhalten Coachings und geschützten Schreibraum – um schliesslich einen neuen Theatertext zu schaffen, der in der folgenden Saison uraufgeführt wird. Als einziges Programm seiner Art besteht Stück Labor nunmehr im 13. Jahr und ermöglicht eine Residenzform, die sich zwischen künstlerischem Experiment und konkretem handwerklichen Theaterschaffen bewegt.

Die hier erstmals abgedruckten drei Stücktexte veranschaulichen exemplarisch die Bandbreite neuer Schweizer Dramatik: von einem vielstimmigen Chor über Jugendkult über postkoloniale Dschungel-Collagen bis hin zu einem berührenden Ritual an der Schwelle zwischen Leben und Tod.


„Die Rückkehr der Fährfrauen*“

SARAH CALÖRTSCHER (she/her, 1991 geboren in Graubünden) studierte Musik, Bewegung und Dramaturgie und ist als Autorin, Dramaturgin und Klangkünstlerin aktiv. Ihr Stück „Herz aus Polyester“, 2024 am Deutschen Theater in Berlin uraufgeführt, gewann im gleichen Jahr den Kleist-Förderpreis. Als Hausautorin am Luzerner Theater schrieb sie „Die Rückkehr der Fährfrauen*“, das dort im November 2025 seine Uraufführung feierte. Calörtscher entwirft ein märchenhaft-surreales Übergangsritual: In einer nahen Zukunft haben die Fährfrauen* – einst Hüter*innen der Übergänge – ihre Aufgabe verloren. Die letzte von ihnen eröffnet ein „Happy Dying Retreat“, in der Inszenierung ist das eine Hütte an einem Fluss, in der Menschen das Sterben üben können. Sie beauftragt die Filmemacherin Persephone mit einem Werbefilm, doch bald verstrickt sich alles in ein bizarr-absurdes Ritual, in dem Untote, Darsteller:innen und Filmteam in einer Welt zwischen Leben und Tod zusammentreffen. Mit feinem sprachlichen Witz und präzisem Gespür umkreist der Text die tiefe Ambivalenz unserer Zeit: Gerade dort, wo permanenter Wandel zum höchsten Wert erklärt wird, grassiert die Angst vor echten Übergängen.

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„Szene isch Züri – ein Lobgesang“

LAURA LEUPI (1996 in Zürich geboren, keine Pronomen) schreibt Prosa- und Performancetexte – immer wieder auch kollaborativ – und war 2024/25 Hausautor:in am Theater Basel. Für das Prosadebüt „Das Alphabet der sexualisierten Gewalt“ erhielt Laura Leupi 2023 den 3sat-Preis beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb. Der Chortext „Szene isch Züri – ein Lobgesang“ springt wie ein vielstimmiges Kollektiv zwischen ekstatischem Jubel und resignierter Klage hin und her: Alte und junge Stimmen rufen „Jugend! 4ever young!“, besingen einen erschreckenden Jugendwahn und fragen doch unmittelbar danach, was diese Jugend – alt und jung – eigentlich noch will. Leupi übersetzt die Sehnsucht nach dem Erhabenen in ein Kaleidoskop aus Brüchen, Wiederholungen und zynischen Kehrtwendungen. Der Chortext spürt der politischen Ratlosigkeit und Erschöpfung einer Gegenwartskultur nach, die sich in eitlem Hate-Talk und Selbstbespiegelung verliert, während sie die Ungerechtigkeit, den Krieg und die Verbrechen vor ihrer eigenen Haustür beharrlich ignoriert.

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„MOGLI oder This Way Is Not the Way to the Waterfall“

RALPH THARAYIL (he/him, geboren 1986 in Liestal) studierte Geschichte sowie Literatur in Basel. Er arbeitet interdisziplinär mit Text, Performance und Klang. Sein Debütroman „Nimm die Alpen weg“ (2023) gewann u. a. die Alfred-Döblin-Medaille und wurde an den Bühnen Bern dramatisiert. Als Hausautor am Berner Theater verwandelt er im Stück „Mogli“ das Erbe des Dschungelbuchs in eine dichte Erzählcollage globaler Gegenwart. Der Urwald wird zur Chiffre der Wildheit und zur Metapher einer gnadenlosen Logik, in der Körper zur postdigitalen Kapitalware verkommen. Figuren wie Mogli, seine Mutter Mata Hari oder der Unternehmer Tantalos begegnen in verschränkten Szenen kapitalistischen Arbeitswelten – von Coltan-Minen bis zu Baustellenwüsten – und zeigen uns den heutigen modernen Kolonialismus und strukturellen Rassismus. Gleich seiner Erzähler-Spinne verwebt Tharayil Mythisches und Gegenwärtiges zu einem zeitgenössischen Abenteuermärchen, das unsere globalen Ungerechtigkeiten schmerzhaft sichtbar werden lässt.

Stück Labor wird gefördert von Pro Helvetia, Schweizer Kulturstiftung, Ernst Göhner Stiftung, Landis & Gyr Stiftung, Markant Stiftung und Stiftung Edith Maryon.

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