Kommentar Berliner Theatertreffen
Selbstvergewisserung in zerrütteten Welten
Die Auswahl für das Berliner Theatertreffen 2026 steht fest. Und beschreibt Analogien und Fortschreibungen ästhetischer sowie formeller Auseinandersetzungen mit Krisenerfahrungen.
von Lina Wölfel
Assoziationen: Jan-Christoph Gockel Jette Steckel Pınar Karabulut Leonie Böhm Florentina Holzinger Sebastian Hartmann Lucia Bihler Julian Hetzel Volksbühne Berlin Theater Basel Schauspiel Stuttgart Volkstheater Wien Staatstheater Cottbus Schauspielhaus Zürich Hans Otto Theater Wiener Festwochen Schauspiel Leipzig Münchner Kammerspiele Berliner Festspiele

Es ist fast ironisch, durch den tauenden Schnee über einer Eisdecke zum Haus der Berliner Festspiele zu stapfen. Vorbei an Demonstrierenden, die Transparente mit der Aufschrift „Wir MACHEN Theater“ oder „Gorki Werkstatt bleibt“ in der Hand halten. Verdi hatte dazu aufgerufen.
Hier wurde heute Morgen die Auswahl für das Berliner Theatertreffen 2026 verkündet. Unter 739 Inszenierungen hat die Jury im Sichtungszeitraum wie jedes Jahr die 10 „bemerkenswertesten Inszenierungen“ im deutschsprachigen Raum ausgesucht. Von den gesichteten Arbeiten seien 45 Prozent von Frauen oder Kollektiven mit mehr als 50 Prozent Frauen*-Anteil gewesen. Die Gesamtauswahl unter einen, inhaltlichen oder ästhetischen Hut zu quetschen, würde zu kurz greifen. Dennoch lassen sich Analogien und Fortschreibungen durchaus erkennen.
Auffällig ist zum Beispiel die thematische Verdichtung um Krisenerfahrungen verschiedener Art. Florentina Holzingers dystopisches Musical „A year without Summer“ an der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz verknüpft laut der Jury in „spektakulären und höchst komplexen Bildern“ die Klimakrise mit der Verfallsbiografie des menschlichen Körpers und fragt nach dem – monetären und immateriellen – Preis seiner Optimierung. Das Ganze endet in einer „buchstäblichsten Kunst-Fäkal-Orgie der Theatergeschichte“, so Jurorin Christine Wahl. Der Körper wird hier zur Kampfzone zwischen Utopie und Dystopie, zwischen Erweiterung und Zerfall.
Diese Auseinandersetzung mit physischer und psychischer Vulnerabilität setzt sich in Lucia Bihlers „Die Welt im Rücken“ vom Schauspiel Stuttgart fort. Die gesamte Bühne mutiert zum „psycho-physischen Raum“, in dem Paulina Alpen Thomas Melles Seelenbilder bipolarer Störung in einen Tanz um die eigenen Ängste übersetzt. In einem Horrortrip mit sechs Doppelgänger:innen, die als Antagonisten und Helfer:innen, als Einheit und zerrüttete Masse auftreten, wird der Körper als Schauplatz gesellschaftlicher Aushandlung sicht- und erfahrbar. Als Ort, an dem sich Normalitätserwartungen und individuelle Krisenerfahrung reiben.
Wie weit das Verhältnis zwischen Versehrtheit und Unversehrtheit von Körpern sich erstreckt, wird auch in den vermeintlich intimeren Kammerspielen sichtbar. Besonders, wenn es sich dabei um weibliche* Körper handelt. Leonie Böhms „Fräulein Else“ am Volkstheater Wien, das gemeinsam mit der Schauspielerin Julia Riedler entstanden ist, macht das Publikum zu „Kompliz:innen“ einer Erpressung, die auf Entblößung zielt. Der Körper wird zur Ware in einem patriarchalen Tauschgeschäft – ein „radikal heutiges Solo“ – so Juror Vincent Koch – über Machtmissbrauch, der immer noch allgegenwärtig ist.
Das Körperliche ist bei diesen Inszenierungen nie nur privat, sondern immer auch politisch. Das männliche Pendant zu Fräulein Else findet sich am Hans-Otto-Theater in Potsdam. Sebastian Hartmanns Adaption von Michel Houellebecqs „Serotonin“ erlaube „tief in die Abgründe eines Mannes zu blicken und so zum Kern des momentan virulenten antimodernen Denkens vorzudringen“. Auch hier theatraler Minimalismus, reduzierte Bühne, eine grandiose schauspielerische Leistung des Solo-Darstellers Guido Lambrecht – nur eben in als fünfstündiger Monolog eines Mannes, der von seiner Impotenz erzählt. Ob es das braucht, bleibt fraglich.
Und gleich eine zweite Inszenierung von Sebastian Hartmann wurde nicht nur zum Theatertreffen 2026 eingeladen, sondern prüft den männlichen Körper in seiner Politik auf dessen Gegenwärtigkeit in Zeiten gleichzeitiger Kriege. In „Der Hauptmann von Köpenick“ am Staatstheater Cottbus, nach dem deutschen Märchen von Carl Zuckmayer, wird das Soldatische im Menschen als „Marionettentheater deutscher Mentalitätsgeschichte“. Die nachgebaute Theaterfassade des Staatstheaters mit der Aufschrift „Der deutschen Kunst“ wird zum ironischen Kommentar über die Institution und ihre historische Verstrickung selbst.
Den Opportunismus der Kunstschaffenden hingegen thematisiert Jette Steckels „Mephisto“ an den Münchner Kammerspiele. Thomas Schmauser zeigt Hendrik Höfgen als brüchig, hadernd – als eine Figur, die sich der „Illusion hingibt, dass das Theater ein Fluchtort ist, der letztlich unantastbar bleibt“. Der Abgleich zwischen Vergangenheit, Gegenwart und möglicher Zukunft tue weh, denn das Ensemble zeige „Menschen, die die Neue Rechte nur zu gerne wieder von der Bühne verjagen würde“, so Jurorin Sabine Leucht.
Ebenfalls an den Münchner Kammerspielen seziert Jan-Christoph Gockels eingeladenes siebenstündiges „Wallenstein“-Epos die Mechanik des Krieges. Das immersive Format zwischen „Investigativ- und Literatur-Theater, Performance, Schau- und Puppenspiel“ wird selbst zur theatralen Strategie gegen die lähmende Angst. Formal bewegt sich dieser Abend am anderen Ende der reduktionistischen Ästhetik von beispielswiese Hartmanns „Serotonin“. Diese Gleichzeitigkeit zwischen radikalem Minimalismus und Fokus auf die Schauspielkunst und Spektakeltheater der Opulenz zeigt sich auch mit der Einladung von Pınar Karabuluts „Il Gattopardo“ am Schauspielhaus Zürich, das das aristokratische Sizilien des Risorgimento wieder aufleben lässt. Die Opulenz der Räume wie der Kostüme ziehe das Publikum ins 19. Jahrhundert, so Juror Sasha Westphal und lasse zugleich Symptome unserer eigenen Zeitenwende erkennen.
Es lässt sich sagen: Die Welt ist erschüttert. So erschüttert, dass sich sogar alteingesessene Regisseur:innen, deren Ästhetiken wir zu kennen glaubten, neu orientieren. Ein beachtliches Bild für diese Erschütterung findet Jaz Woodcock-Stewart in „Die Glasmenagerie“ am Theater Basel. Powerplates aus dem Gym werden zu „ironisch gewendeten, kongenialen Zeichen für die Erschütterung aller Halt gebenden Strukturen“.
Bleibt also bei all der Erschütterung nur noch die Flucht ins Private? In die Reflexion mit sich selbst und dem eigenen Scheitern? Nein. Zumindest, wenn man auf Julian Hetzels „Three Times Left is Right“, eine Koproduktion der Wiener Festwochen mit dem Schauspiel Leipzig schaut. Der Abend fragt, wie wir zusammenleben können, wenn sich die eigenen Weltanschauungen diametral gegenüberstehen. Er untersucht das aufgeheizte Diskursklima mikroskopisch genau „bis zur Verselbstständigung der Untertitel“, wie Juror Vincent Koch die Einladung begründet. Und gleichzeitig findet sich hier in ästhetisch stilisierter Umsetzung die Zuspitzung dessen, was formelle Grundlage von „Fräulein Else“ ist: der Dialog. Nicht die Vereinzelung.
Also: zurück zu den Demonstrierenden vor dem Theater. Das Theater als Kunstform ist bedroht. In diesen Zeiten vergewissert es sich seiner selbst. Durch Institutionen wie das Theatertreffen. Durch Inszenierungen, die als „Theater im Theater“ (Steckel), als „Marionettentheater“ (Hartmann) oder als „überbordende Feier des Theaters“ (Gockel) sich selbst und ihr Gewordensein zum Gegenstand machen. Durch eine Tendenz zu längeren Abenden. Die Lust am Spektakel, wie auch die Lust an der rohen, reduzierten Schauspielkunst. Vergessen sollte man dabei nur nicht, dass die eingeladenen Inszenierungen nicht die untersten in der Nahrungskette sind. Denn Kulturkürzungen treffen besonders hart viele Häuser und Gruppen, die am heutigen Tag nicht genannt wurden. Das soll die Qualität der Auswahl nicht mindern. Nur einordnen.
Was fehlt? Vielleicht die zeitgenössische Dramatik. Auf die Frage hin, wo die geblieben sei, wissen selbst die Juror:innen keine Antwort. Es sei eben so. Zu finden ist sie lediglich im Rahmenprogramm. Es entsteht ein neues Format: „Mehr Drama!“, entwickelt in Kooperation mit dem Verband Deutscher Bühnen- und Medienverlage (VDB). Sechs Theaterverlage haben renommierte Autorinnen aus ihrem Programm eingeladen, jeweils einen vielversprechenden Nachwuchsdramatikerin zu nominieren. Deren Texte werden während des Theatertreffens in szenischen Lesungen mit prominenten Schauspieler:innen vorgestellt.
Der Auswahl-Jury für das Theatertreffen 2026 gehören an: Alexandra Kedves, Vincent Koch, Sabine Leucht, Martin Thomas Pesl, Falk Schreiber, Christine Wahl und Sascha Westphal. Zum kommenden Jahr scheiden turnusgemäß Sabine Leucht, Martin Pesl und Sascha Westphal aus. Neu dazu kommen Jakob Hayner, Yaël Koutouan und Silvia Stammen. Das 63. Theatertreffen der Berliner Festspiele findet vom 1. bis 17. Mai 2026 statt. Der Spielplan wird am 2. April veröffentlicht, der Vorverkauf startet am 18. April.
Erschienen am 13.1.2026





























