Theater der Zeit

Stück Labor 2015/2016

Andere Blicke auf die Autorschaft

Das Stück Labor Basel geht mit Hausautoren an Schweizer Bühnen neue Wege

von Elisabeth Maier

Erschienen in: Theater der Zeit: Freude verdoppelt sich, wenn man sie teilt – Geld nicht. – Lukas Bärfuss (01/2017)

Assoziationen: Schweiz Dramatik Dossier: Stück Labor – Neue Schweizer Dramatik Luzerner Theater

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Mit dem Kollektiv BuschFehrKoch hat das Theater Luzern im Rahmen des Förderprogramms Stück Labor in der Spielzeit 2015/16 Neuland betreten. Das Schauspiel des Theaters Luzern hat drei Autoren mit unterschiedlichen ästhetischen Schwerpunkten zusammengebracht. Geteilte Autorschaft, ist das überhaupt eine Perspektive für das Schreiben? Die Bühne am Vierwaldstätter See wagte das Experiment. Dominik Buschs philosophisch inspirierte Dramatik, der eine zarte Melodie innewohnt, Michael Fehrs gewaltig zerklüftete Sprachkunst und Ariane Kochs verführerische Grenzgänge zwischen Literatur und bildender Kunst – auf den ersten Blick haben sie wenig gemeinsam. Dass es in dieser Gruppe fruchtbar knisterte, war zu spüren.

Im Projekt „Essen Zahlen Sterben“ ließ sich zwischen den drei Teilen nur eine lose Klammer auftun. Fehr stand als Performer auf der plüschroten Bühne, malte die Parabel von Ida, der Maus, die vom Mädchen zur Frau wird, mit Worten und Lauten. Die anderen Texte haben junge Regieabsolventen der Zürcher Hochschule inszeniert. Johanna Zielinski zeigte Buschs „Die Beflissenen“ als dichtes Beziehungsspiel, in dem Gewalt die Oberhand gewinnt. Sie findet schlüssige Bilder für das Sterben der Kommunikation, das sich auch bei Ariane Koch offenbart. Ihren surrealen und aktuellen Text „All you can eat“ hat Franz-Xaver Mayr als grausame Farce in Szene gesetzt. Auf dem Speiseplan stehen frische Waden und Fingerspießli, und der Zauberer Varoufakis will die Welt retten. Kochs Parabel auf die Flüchtlingskrise setzte Mayr mit starkem Körpertheater in Szene. Seine bizarren Bilder verblüfften ebenso wie die Dynamik seiner Regiearbeit.

Der Schweizer Dramaturg und Experte für neue Dramatik, Erik Altorfer, hat die drei Autoren betreut und in ihren Arbeiten „reizvolle Bezüge“ gefunden. In Luzern öffnete er dem Trio Begegnungs- und Denkräume, im kleinen Kreis wie auch mit Publikum. „Der Austausch mit dem Kollektiv hat mir viel gebracht“, zieht Busch ein positives Fazit des Experiments. An gemeinsames Schreiben, an die Suche nach einer gegossenen Form für die drei Teile habe man gar nicht gedacht. Dem pflichtet Koch bei, die viel Erfahrung mit Künstlerkollektiven hat. In ihren anderen Projekten habe sie „mehr Gemeinsamkeiten“ entdeckt. Fehr geht mit den Strukturen härter ins Gericht, sieht das Kollektiv in Luzern „trotz der netten Menschen“ als gescheitert an. Lieber hätte der Performer und Autor mit den anderen neue Formen erforscht. Aber das lasse der streng getaktete, hierarchische Stadttheaterbetrieb kaum zu.

Mehr Freiräume für die Künstler zu schaffen, ist das Ziel von Stück-Labor-Leiterin Heike Dürscheid. Deshalb hat sie die straffe Struktur des Hausautorenmodells mit den Bühnen etwas entzerrt. Die Autoren haben seit dem Stück-Labor-Jahr 2015/16 mehr Zeit, sich aufs Schreiben zu konzentrieren, denn die Uraufführung kommt jetzt in der Regel erst in der folgenden Spielzeit heraus. Dominik Busch als neuer Hausautor in Basel und die Autorin und Literaturwissenschaftlerin Gornaya in Bern arbeiten seit August 2016 an ihren Bühnen. Auch 2017/2018 gibt es wieder drei Hausautoren. „Wir arbeiten ab 2017 neu auch mit dem Théâtre Poche/ GVE in Genf in der Westschweiz zusammen, worauf ich mich sehr freue“, sagt Dürscheid. Sie finde es spannend, mit Autoren in französischer Sprache zu arbeiten und hoffe, die Stücke auch ins Deutsche übersetzt und bilingual zeigen zu können.

Der Basler Hausautor Philippe Heule schrieb 2016 sein Stück „retten, was zu retten ist“, das im November in der Regie von Felicitas Brucker auf die Bühne kam. Hinter der heilen Fassade einer Werbefernseh-Familie blickt Heule mit seinem bitterbösen Wortwitz und seinen starken szenischen Setzungen in menschliche Abgründe. Das Scheitern der Figuren und die verbale Gewalt, mit der sie einander begegnen, zeigt die Regisseurin packend. Mit den Basler Schauspielern lotet sie die Tiefenschichten im Text des jungen Autors aus, der selbst Schauspieler und Regisseur ist. Seine Dramatik ist gesellschaftskritisch, ohne plump politisch zu wirken. Mit der viel gelobten Uraufführung seines Stücks „Die Simulanten“ war Heule jüngst auch bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen erfolgreich.

Erst im Juni 2017 hat Elia Rediger am Konzert Theater Bern mit seinem „Oh Boyoma“ Premiere. Die Eltern des Schweizer Musikers und Autors, der jetzt in Berlin lebt und arbeitet, waren Entwicklungshelfer im Kongo. Dort ist der vielseitige Künstler auch geboren. Für ihn sei das eine „Spurensuche“, sagt Rediger. Gemeinsam mit Künstlern aus dem Kongo will er „weg vom kolonialen Denken“ und einen Austausch auf Augenhöhe wagen, Utopien hinterfragen. Bei seinen Recherchereisen in das afrikanische Land hat er erlebt, „wie unterschiedlich unsere künstlerischen Ausdrucksweisen sind“. Diesen Horizont will er mit dem internationalen Organisationsteam erforschen. //

 

Philippe Heule Zum Interview | Zum Stück

BuschFehrKoch Zum Interview | Zum Stück

Michael Fehr Zum Interview | Zum Stück

Elia Rediger Zum Interview

Ariane Koch Zum Interview | Zum Stück

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